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FINGER WEG VON UNSERER HARDWARE


Das Auto hat TÜV. Und ja, ich besitze noch ein Auto. Kurz hatte ich überlegt, es zu verkaufen. Der Wagen ist schon alt, das Benzin teuer, das Reisen habe ich eingestellt und die meisten Strecken lege ich mit dem Fahrrad zurück. Dass ich mich dennoch gegen einen Verkauf entschieden habe, hat zwei Gründe: Als ich in den 1950er-Jahren sozialisiert wurde, entwickelte sich zum einen das Autofahren gerade zu einem Sinnbild der Freiheit und Unabhängigkeit, zum anderen beruhigt es mich, bei den gegenwärtigen Krisen und vermehrten Lebenseinschränkungen ein Fluchtfahrzeug zu besitzen.


Der Freiheitsgedanke ist, selbst wenn er nicht zum Zeitgeist passt, keineswegs falsch. Autos sind wie Züge, Flugzeuge und Schiffe, Transportcontainer und als solche Pluto (Skorpion) zugeordnet. Einzelschicksale sind in diesen geschlossenen Systemen miteinander verwoben: Und weiter angenommen, im eigenen Leben wäre etwas Wesentliches ungeklärt, Mitreisende hätten zeitgleich dieselbe Infragestellung, dasselbe Problem – es würde eine Menge ungelöster Energie entstehen, die sich Platz schaffen könnte und mit einem Schlag die Kompensationen der Beteiligten zusammenbrechen ließe. Ohne hier die schlimmsten Szenen auszumalen – die Reise wäre zu Ende. Hingegen, mit dem Auto, liegt die Verantwortung, mit wem, ab wann, wohin und wie lange man reist bei einem selbst. Ich fahre also das Auto zum TÜV, hoffend, dass sich die Mängelliste in bezahlbaren Grenzen hält und ich den Wagen behalten kann.


Beim Warten auf das Ergebnis der technischen Überprüfung kommt mir wieder der Skorpion in den Sinn. Für den TÜV zuständig, untersucht er, ob Konstruktion und Technik dem Wagen entsprechen. Von ihm wird alles aufgedeckt, abgemahnt oder aussortiert, was nicht der Bestimmung – in diesem Fall der Bestimmung des Fahrzeugs – entspricht. Für den Skorpion ist es zum Beispiel inakzeptabel, wenn der Auspuff mit 114 Dezibel brüllt wie ein Löwe. Möglicherweise markiert der Fahrzeughalter sein Revier. Diese Störung käme auf die Mängelliste. Der Skorpion nimmt auf das Individuelle und Subjektive keine Rücksicht, sondern widmet sich ausschließlich der Prüfung der Gattung. Die von ihm als Neurose eingestufte Reviermarkierung des Löwen bzw. Fahrzeughalters müsste an anderer Stelle begutachtet werden. Es ist auch nicht vorgesehen, dass tiefer gelegte Autos gefahren, aber nicht mehr geparkt werden können, weil das Fahrwerk flachliegt und an der Bordsteinkante entlang schrammt. Auch hier bestünde die Notwendigkeit einer Korrektur, selbst wenn die Erotik dabei auf der Strecke bliebe. Ob das Auto hingegen jede Woche bis zum letzten Winkel mit einer Zahnbürste gereinigt und danach auf Hochglanz poliert wird, interessiert den Skorpion nicht. Bei Äußerlichkeiten ist er nicht pingelig.


Dass der Fahrer selbst nicht zum TÜV muss, liegt daran, dass das Prinzip eines Menschen beim Autofahren sowieso nicht gewährleistet ist. Menschen sind von Haus aus Fußgänger. Wären wir Autos, hätten wir Räder, ein Lenkrad, eine Software – kommt noch – Hubraum und gegebenenfalls Kolbenfresser. Sobald wir jedoch unser Prinzip, Fußgänger zu sein, verlassen, birgt das immer Gefahren. Ein verlassenes Prinzip ruft Mars auf den Plan. Er ist der Rächer des verletzten Prinzips und wenn er mit an Bord ist – und das ist er! –fährt das Risiko mit. Der Skorpion prüft, repariert aber nicht. Er mischt sich nicht ein. Er zeigt lediglich an, dass eine Störung vorliegt. Beim Auto ist das einfach. Der Mensch – sofern ihm ebenfalls eine Skorpion-Prüfung angekündigt wird – steht vor einem Rätsel.


Eine Prüfung des Skorpions für Fahrzeuge und Menschen könnte zum Beispiel folgendermaßen aussehen:

Stimmt die Achse und ist das Halten der Spur gewährleistet oder – bleibt zwischen Arbeitseinsatz, Extrem-Sport, Social Media Posts, Urlaubsflucht und sozialem Engagement das Rückgrat auf der Strecke?

Ist die Sicht noch klar oder – handelt es sich beim Konsum von Nachrichten, Nahrungsergänzungsmitteln, kollektiven Gesundheitsleistungsaufgaben und Reihentests, schon um Augenwischerei?

Passt der Motor zur Karosserie und läuft dem Modell entsprechend rund oder – bringen Ängste, Vorstellungen, Entscheidungen sowie das Gedankenkarussell die Bauchnerven zur Raserei und den Herzschlag ins Schleudern, sodass Bruchstellen entstehen?

Ist das Fahrzeug noch lenkbar oder – bereits außer Kontrolle, weil die Wahrnehmung weit über die zugelassenen Pferdestärken hinaus an der eigenen Zuständigkeit vorbeischlittert?

Hat die Bremsanlage keine bis nur kaum wahrnehmbare Funktionsstörungen oder – sind die Belege bereits so verschlissen, dass der freie Fall durch den Verlust ehemals stabilisierender Kompensationen kurz bevorsteht.

Wird durch den Neigungswinkel der Scheinwerfer die Straße angestrahlt oder – blendet das Fernlicht das Naheliegende aus?

Sind die Abgaswerte im Normbereich oder – hat das Schönreden unzulässige Abfallprodukte verursacht?


Für das Auto gibt es beim TÜV klare Vorgaben. Für den Fahrer hingegen ist die Polizei zuständig. Werden die Bestimmungen nicht eingehalten, droht der Bußgeldkatalog oder gleich der Führerscheinentzug. Gelöst ist damit nichts. Die Kreativität der menschlichen Natur kennt keine Grenzen. Gegebenenfalls sucht sie sich ein anderes Feld aus, um die persönliche Störung loszuwerden. Im eigenen Leben ist die Gewährleistung des Prinzips immer noch von jedem Einzelnen selbst zu verantworten, wohin sie auch gehört. Weder Vater Staat noch die Polizei sind dafür zuständig.

Übrigens auch nicht Bill Gates. Dabei könnte Bill als Skorpion beim TÜV viel erreichen.


Er wäre ein verlässlicher Aufdecker von Fehlerquellen, auch wenn die Mängelliste üppig und nicht unbedingt angenehm ausfiele. Die Hersteller müssten vielleicht ihre Produkte zurücknehmen und wegen grober Fehlkonstruktionen neu gestalten oder vom Markt nehmen. Bills Optimierungsvorstellungen, seine innovativen Ideen und Pläne stünden für hochwertige Qualität bei Konstruktion und Fertigung und würden dafür sorgen, dass das Fahrzeug lange und sicher in der Spur bliebe. Einen Skorpion zeichnet aber nicht nur aus, dass er Fehlerquellen erkennt und sie anzeigt, sondern dass er mithilfe seiner dunklen Seite dann doch nicht widerstehen kann und nach seinen Vorstellungen eingreift. Wer das Prinzip dessen, in das er gestellt ist (= die Gestalt), verlässt, braucht unzählige Hilfsmittel, um das "sein" zu können, was er sich vorstellt. Gleichzeitig geht das zugrunde, was er zu sein hätte. Wolfgang Döbereiner beschrieb dies am Beispiel eines Fisches, der, würde er auf der Promenade spazieren gehen, eine Atemmaske bräuchte.


Bills Gates Pläne haben viel gemeinsam mit den Vorstellungen eines fehlgesteuerten Skorpions und sind in ihrer Maßlosigkeit nicht zu überbieten, wie man in folgendem Zitat erfahren kann:

„Es ist möglich, man kann das nie wissen, dass das Universum nur für mich existiert. Falls das so ist, muss ich zugeben, dass es für mich sehr gut läuft.“ (1)


Man könnte es wissen!

Gilt für Bill etwa das erste Gebot? Ersetzt man ein Wort seiner Aussage: „Dass das Universum nur durch mich existiert“, wird es schlüssig. Es läuft gut für Bill Gates – sonst allerdings für niemanden. Und – wo ist eigentlich Eva? Eva wird nicht mehr gebraucht. Der Sündenfall ist überflüssig geworden. Wenn die Implantate unter der Haut und alle Gehirne vernetzt sind, wenn die Gentechnik die Ackerböden und die Menschen endgültig unfruchtbar gemacht hat, wird es kein Leid und keine Mühsal mehr geben.


Dennoch halte ich es für unwahrscheinlich, dass das Universum nur für Bill Gates existiert. Dafür, dass er jedoch den Griff nach dem Himmel wagt, Tabula rasa macht und die Menschen kollektiv genetisch umprogrammiert und damit ihre Gestalt und ihr Leben aufs Spiel setzt, gibt es ganz sicher keine TÜV-Plakette.

Vielleicht sollte man seine Software prüfen. Oder besser gleich einen Reset vornehmen?

Und vor allem – Finger weg von unserer Hardware!


Menschen sind in der Lage, sich selbst zu prüfen – zumindest in dem uns bekannten Universum. Auch vermögen sie, und das ganz ohne Bill, ihre Fähigkeiten und Talente zu entwickeln. Er könnte sich infolgedessen, befreit vom Zwang des Übergriffs auf die Menschheit einzig und allein um seine eigenen Angelegenheiten kümmern.


Das Prinzip des Lebens zu gewährleisten, liegt allein in der Verantwortung der Einzelnen und ja, – hat immer Auswirkungen auf andere. Entsprechend favorisiere ich Fjodor Dostojewski, auch ein Skorpion, mit seiner Aussage:

„Ist es denn so schwierig, einzusehen, dass jede große Gesamtzahl sich aus Einern zusammensetzt? Alles würde ohne diese Einzelnen auseinanderfallen, denn sie sind es, die den Gedanken, den Glauben und das lebendige Beispiel geben.“ (2)


Das Auto hatte TÜV und bleibt – für meine Entscheidungsfreiheit.




Alle astrologischen Benennungen und Zusammenhänge beruhen auf dem System der Münchner Rhythmenlehre von Wolfgang Döbereiner (1928-2014).


1 Bill Gates: Time Magazine, - Vol 149; 13. Januar 1997

2 Fjodor Michailowitsch Dostojewski: Dostojewski, Sinn der Läuterung, zusammengestellt von J. Schirmer, Berlin 1938





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